Freiwillige des JRS Rumänien, einer von ihnen ist selbst ein Geflüchteter aus Syrien.

 – Flucht aus der Ukraine

„Wir hatten in Rumänien noch nie eine vergleichbare Situation“

Krieg und Gewalt in der Ukraine nehmen kein Ende, Tag für Tag fliehen Hunderttausende um ihr Leben. Am 29. März hat die Zahl der Geflüchteten die 4-Millionen-Grenze überschritten, 600.000 von ihnen sind im Nachbarland Rumänien. Marius Talos SJ ist seit 2013 Direktor des rumänischen Jesuiten-Flücht­lings­dienstes (JRS). In einem Interview spricht er über die gewaltigen Herausforderungen.

Wie ist Situation in Rumänien?

Wir befinden uns in einer Lage, die wir uns vor einem Monat nicht vorstellen konnten. Wir unternehmen die größtmöglichen Anstrengungen, um ein Minimum an Unter­stützung für die Vertriebenen zu gewährleisten. Da der JRS Rumänien keine Notfallorganisation ist, müssen wir improvisieren, um das Nötigste an Lebensmitteln, Kleidung, Matratzen, Medikamenten etc. zu beschaffen, und gleichzeitig wollen wir denjenigen, die in Rumänien Asyl suchen, eine Unterkunft und Rechtsberatung bieten. Die durchschnittliche Zahl der Asylanträge liegt in Rumänien etwa bei 6.000 pro Jahr, und nun waren es allein während der ersten beiden Kriegswochen über 3.000. Wir hatten in Rumänien noch nie eine vergleichbare Situation.

Eine weitere große Aufgabe sind sichere Transportmöglichkeiten sowohl innerhalb Rumäniens wie auch zu unseren Grenzen.

Welche Bedürfnisse haben die Menschen, die an der Grenze ankommen? Wie sieht die Arbeit des JRS aus?

Unsere Hilfsmaßnahmen erfolgen in drei Phasen: Zunächst müssen wir entlang unserer 650 Kilometer langen Grenze mit der Ukraine die Menschen willkommen heißen. Viele sind tagelang unterwegs, bevor sie die Grenze überqueren können.

Dann müssen wir herausfinden, wie wir den Bedarf an Lebensmitteln und Unterbringung decken können. Es ist noch Winter, die Temperaturen liegen häufig unter null Grad, so dass auch ein großer Bedarf an warmer Kleidung besteht. Zudem an Medikamenten und Hygieneartikeln. Die Menschen brauchen juristische Unter­stützung, um ihre Reise fortzusetzen und Asyl zu beantragen. In Rumänien machen das nur weniger als 10 Prozent der Geflüchteten.

Außerdem ist es notwendig, den Menschen, die unvorstellbare Traumata erlitten haben, psychologische Hilfe zukommen zu lassen, etwa Mütter mit Kindern und Säuglingen, die ihre Ehemänner oder Väter nie wiedersehen werden. Wir müssen ihnen helfen.

Sorge um Studierende aus Afrika

Neben ukrainischen Staatsangehörigen kommen auch Flüchtlinge anderer Nationalitäten an der Grenze an…

Ja. Wir müssen zwischen Flüchtlingen aus der Ukraine und ukrainischen Flüchtlingen unterscheiden, denn es gibt auch Studierende aus Asien und Afrika, die das Land so schnell wie möglich verlassen müssen, um ihr Leben zu retten. Der Transit für die einen ist nicht derselbe wie für die anderen. Studierende afrikanischer Herkunft müssen auf den Kontakt mit ihren Botschaften warten, um zu sehen, wie sie die Reise in ihre Herkunftsländer organisieren können. Es handelt sich um ein globales Problem, das jedoch für jedes Land andere Nuancen aufweist.

Wer waren die Menschen, die Sie vor dieser Krise im Arrupe-Haus in Bukarest empfangen haben?

Das Zentrum Padre Arrupe, das im Jahr 2000 von einem belgischen Jesuitenpater gegründet wurde, hat Tausende Geflüchteter aus praktisch allen Teilen der Welt aufgenommen. In den letzten acht Jahren kamen die meisten aus Syrien, Afrika südlich der Sahara, Marokko, Tunesien, dazu viele Menschen kurdischer Herkunft aus dem Iran, Irak, Syrien und der Türkei. Aber es gibt auch Menschen aus Vietnam, aus Sri Lanka und Kolumbien, die das Bild der Flüchtlinge um eine neue Realität ergänzen: die Realität der Wirtschaftsmigrant:innen. Menschen, die ihre Herkunftsländer nicht wegen Krieg, Hungersnot oder Naturkatastrophen verlassen, sondern aus Mangel an lebenswichtigen Ressourcen.

Wir bieten Menschen Schutz, die auf eine Antwort des rumänischen Staates warten und für einige Wochen, einige Monate oder einige Jahre in einer Art Übergangsregime leben. Wir leisten Rechts- und Sozialberatung arbeiten mit Kulturvereinen zusammen. Es gibt Schulungen in IT-Technik, Sprachkurse für Rumänisch und Englisch.

Wie werden sich die Krise in der Ukraine und die Fluchtbewegung nach Rumänien entwickeln?

Wir sind sehr entmutigt durch das, was wir von den Menschen aus Odessa und der Südukraine hören. Dennoch hoffen wir, dass der Konflikt nicht zu einem Atomkrieg eskaliert. Und wir hoffen auf ein Ende dieser humanitären Krise, von der Millionen von Menschen betroffen sind.

Was möchten Sie denjenigen sagen, die dieses Interview lesen?

Ich habe den Eindruck, dass Europa in Krise zusammengerückt viel solidarischer ist. Ich schätze diese Großzügigkeit aufrichtig, die uns zu Brüdern macht, auch wenn wir uns nicht kennen. Wir machen weiter. Ich danke Ihnen.

Das Interview mit Marius Talos SJ wurden von unserer Partnerorganisation Irish Jesuits International geführt.

Ukraine: Unterstützung für Geflüchtete

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