Syrien

Schritt für Schritt

Eine geflüchtete Familie aus Syrien hat die berühmte Aleppo-Seife nach Bayerisch-Schwaben gebracht und unterstützt in Zusammenarbeit mit dem Jesuiten-Flücht­lings­dienst (JRS) die notleidende Bevölkerung ihrer Heimatstadt

Den Jahresausstoß verzehnfacht, die Produktpalette massiv erweitert, ein Ladengeschäft, das genauso brummt wie der Online-Handel: „Dass es so schnell geht, hätten wir niemals gedacht“, sagt Fadi Aslan, Gründer von „Solo Naturkosmetik“ (solonaturkosmetik.de). Vor sechs Jahren hatten es zuerst seine Frau Nour und der kleine Antoine – damals drei Jahre alt –, ein Jahr später Fadi raus aus Syrien geschafft. Der Bürgerkrieg eskalierte, dem Chemiker und Inhaber einer Fabrik für die weltberühmte Aleppo-Seife drohte die Einberufung in die Armee.

Ein Schwur auf der Flucht

Mit nichts kam Familie Aslan in Deutschland an, außer ein paar Kontakten aus dem Umfeld der ignatianischen Laienorganisation Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL), wo Fadi und Nour in ihrer Heimatstadt Aleppo aktiv waren – und vielen Ideen und Zuversicht. „In jener Nacht, als ich mit einem kleinen Boot mit 50 anderen Flüchtlingen von der Türkei nach Griechenland übersetzte, habe ich mir geschworen, all meine Kraft einzusetzen, um mir in Deutschland ein neues Leben aufzubauen“, erinnert sich Fadi.

Einmalige Chance

In Hollenbach hat er es geschafft, ausgerechnet in Hollenbach, einem kleinen Ort in Bayerisch-Schwaben, der zunächst nur eine Etappe sein sollte. „Schritt für Schritt“, sagt Fadi, tatsächlich aber in Riesenschritten, haben die beiden dort eine Produktionsstätte für die weltberühmte Aleppo-Seife etabliert und für ihre mittlerweile vierköpfige Familie eine echte neue Heimat gefunden. „Der Anfang war schwer“, sagt Nour: aus der 1,8-Millionen-Metropole in eine 2.500-Seelen-Gemeinde, mittellos und mit rudimentären Deutschkenntnissen. „Ich hatte keinen Führerschein und keine Möglichkeit, in meinem alten Beruf zu arbeiten“, erinnert sich die Französisch-Lehrerin. „Eigentlich war unser Plan, möglichst schnell nach Essen zu ziehen, wo mein Bruder lebt“, ergänzt Fadi. Doch es sollte ganz anders kommen.

Schnell wurden die Neuankömmlinge Teil der Dorfgemeinschaft, Fadi kickt beim TSV Hollenbach, auch Antoine, der schon zur Einschulung vor drei Jahren besser Bairisch sprach als Arabisch. Über die neuen Kontakte fand die Familie nicht nur schnell eine Wohnung, sondern auch eine Produktionsstätte im Nachbarort – und eine einmalige Chance für Nour: Dem Hollenbacher Dorfladen drohte der Leerstand – und wo früher Eier, Speck und Milch verkauft wurden, duftet es jetzt nach Zitrusfrüchten und Lavendel. Hinter der Theke steht Nour.

Hunger in Aleppo

Sie hat mittlerweile nicht nur „Spaß auf dem Land“, ihr ist es gelungen, den Standort im Dorfkern neu zu beleben – und das wahr zu machen, was ihr von Anfang an ein Herzensanliegen war: die Menschen in ihrer Heimat zu unterstützen. Ein Zehntel der Rohstoffe ihrer Produktpalette, die die beiden über Seife hinaus um Kosmetika und Reinigungsmittel erweitert haben, stammt mittlerweile aus der Heimat. Neben eigenen Erzeugnissen verkauft Nour im Laden zu-dem Strickwaren. Die Mützen, Tischläufer, Lesezeichen, Waschlappen und Kleider werden von Frauen aus einem Sozialprojekt des Jesuiten-Flücht­lings­dienstes (JRS) in Aleppo gestrickt und gehäkelt.

„Auch die Säulen meiner ersten Firma waren Arbeit, Bildung und Gemeinschaft“, sagt Fadi, dessen Vater weiter in Aleppo lebt. Dort verschlechtert sich die Versorgungslage massiv: „In vielen Vierteln gibt es nur wenige Stunden Strom am Tag. Die Menschen stehen oft stundenlang Schlange, um an Brot zu kommen.“ Die Wirtschaft ist am Boden, „ohne Angehörige im Ausland, die sie unterstützen, könnten viele Familien nicht überleben.“ Fadis Überzeugung: „Es liegt an uns, die Wunden des Bürgerkriegs zu heilen.“

Glücklich als Familie

Ihrer neuen Heimat fühlen sich die Aslans ebenso verpflichtet. Fadis Ziel ist, die Produktion immer ökologischer zu gestalten und seine Bioprodukte auch nachhaltig zu verpacken. Derzeit entwickelt er eine Flüssigseife, die als Pulver in einer Pappschachtel verkauft wird und zuhause angerührt wird, außerdem eine „Regionalseife“ aus bayerischen Rohstoffen.

Wenn Nour übrigens jemand fragt, wie sie all das geschafft haben, antwortet sie: „Das haben wir nur, weil wir es auch als Familie geschafft haben, glücklich zu sein.“

Syrien: Nachbarschaftszentren geben Halt

Nach Jahren des Bürgerkriegs droht Syrien eine ganze Generation zu verlieren: Sechs Millionen Schüler:innen zwischen 5 und 17 Jahren haben keinen regelmäßigen Unterricht, zwei Millionen besuchen überhaupt keine Schule. Unzählige Kinder und Jugendliche, viele von ihnen Binnenvertriebene, sind schwer traumatisiert. Nachbarschaftszentren des Jesuiten-Flücht­lings­dienst geben ihnen Halt und Perspektive.

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