– Jesuit Refugee Service

Wenn Geflüchtete ihren Platz in der Welt zurückzuerobern

Der Jesuiten-Flücht­lings­dienst (JRS) setzt sich in 38 Ländern für die wirtschaftliche Integration von Geflüchteten ein. Im Zentrum dieser Arbeit steht nicht nur die Vermittlung von Jobs, sondern die Wiederherstellung von Selbstständigkeit, beruflicher Identität und gesellschaftlicher Teilhabe.

Als Spezialist für wirtschaftliche Integration arbeitet der Jesuit P. David Holdcroft SJ beim Jesuiten-Flücht­lings­dienst (JRS) mit verschiedenen Teams zusammen, um gemeinsame Strategien für Förderprogramme zu entwickeln, abzustimmen und deren Umsetzung zu koordinieren. Ziel ist es, Vertriebenen durch stabile Lebensgrundlagen und wirtschaftliche Integration einen Neuanfang zu ermöglichen. Die Programme des JRS zur wirtschaftlichen Integration sind derzeit in 38 Ländern aktiv.

P. David Holdcroft SJ erklärt, warum wirtschaftliche Integration und Selbstständigkeit entscheidend für Würde und gesellschaftliche Teilhabe von Geflüchteten sind:

Ich werde oft gefragt: „Warum beendet der JRS seine Arbeit nicht, sobald Menschen eine Ausbildung abgeschlossen haben und ein Einkommen erzielen können?“ Geflüchtete leben in der Regel entweder in Lagern oder in ärmeren Vierteln am Rand der Aufnahmegesellschaften. Die Lebensbedingungen sind dort häufig schwierig. Deshalb ist es unsere Aufgabe, sowohl Geflüchtete als auch die Aufnahmegemeinschaften gemeinsam zu unterstützen.

Dazu gehört, den lokalen Markt und seine Funktionsweise zu verstehen und die Hindernisse zu identifizieren, die Geflüchtete und einkommensschwächere Mitglieder der Aufnahmegesellschaft an Teilhabe hindern. Ebenso arbeiten wir mit lokalen Akteuren zusammen, um wirtschaftliche Chancen sichtbar zu machen.

So entstehen Möglichkeiten für alle, und es wird vermieden, dass Menschen oder Gemeinschaften in Konkurrenz um knappe Arbeitsplätze oder Geschäftsmöglichkeiten gegeneinander ausgespielt werden.

Wenn Geflüchtete ein Unternehmen gründen, stellen wir sicher, dass sie über die nötigen Fähigkeiten verfügen. Wir versuchen daher, ein unterstützendes Ökosystem zu schaffen: Zugang zu Finanzierung, ein funktionierender Markt für Produkte oder Dienstleistungen und eine Umgebung, die soziale Spannungen möglichst vermeidet.

Wir nennen dies wirtschaftliche Integration, doch im Kern geht es um soziale und gemeinschaftliche Integration. Diese führt nachweislich zu stabileren und nachhaltigeren Einkommen für die Menschen, die wir begleiten.

Selbstständigkeit von Geflüchteten wichtiger denn je

In den vergangenen Jahren sind humanitäre Mittel stark zurück­gegangen. Sie bleiben weiterhin dringend notwendig, insbesondere für besonders vulnerable Gruppen. Für Menschen im erwerbsfähigen Alter ist es jedoch entscheidend, ihren Lebensunterhalt selbst verdienen zu können.

Viele gewinnen dadurch ihr Selbstwertgefühl zurück, knüpfen neue soziale Kontakte und können ihre Fami­lien unterstützen. Ein Geflüchteter brachte es mir gegenüber so auf den Punkt: „Erst wenn man arbeitet, kann man seine Menschen­rechte wirklich verwirklichen.“

Wirtschaftliche Integration in 38 Ländern

Die meisten Geflüchteten bleiben im ersten Aufnahmeland. Die Programme zur wirtschaftlichen Integration des JRS sind derzeit in 38 Ländern aktiv und kosten durchschnittlich rund 200 US-Dollar pro Person und Jahr.

Dieses Geld ist eine Investition, nicht nur in die Zukunft der Geflüchteten, sondern auch in die der Gesellschaften, die sie aufnehmen. Es handelt sich um eine der nachhaltigsten verfügbaren Lösungen, da sie Menschen ermöglicht, die Folgen ihrer Flucht schneller zu überwinden und wieder eigenständig zu werden.

Arbeit stärkt Würde

Wirtschaftliche Integration bedeutet nicht nur die Vermittlung eines Arbeitsplatzes. Arbeit gibt Menschen ihre Identität zurück, drückt Menschenwürde aus und verleiht dem Leben Sinn.

Papst Franziskus sagte dazu: „Die Arbeit ist die von Gott empfangene Berufung des Menschen… Sie macht den Menschen Gott ähnlicher, weil er durch sie Schöpfer wird… Die Arbeit ist die erste Berufung des Menschen. Und sie verleiht Würde.“

Indem wir Geflüchteten helfen, Arbeit zu finden oder ein eigenes Unternehmen zu gründen, unterstützen wir sie dabei, ihren Platz in der Gesellschaft wiederzufinden und ihre Fähigkeiten einzubringen – für ihre Gemeinschaft und darüber hinaus.

Viele Menschen in Armut erleben als größte Belastung, von der Großzügigkeit anderer abhängig zu sein. Sie sind dankbar, wünschen sich aber zugleich, wieder selbstständig handeln zu können. Sinnvolle Arbeit ist der entscheidende Schritt zurück in diese Selbstbestimmung.

Erfolgsgeschichten aus aller Welt

Der JRS verbindet Ansätze zur Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit mit der Förderung inklusiver Märkte. So entstehen Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten, während gleichzeitig grundlegende und technische Fähigkeiten vermittelt werden.

Beide Ansätze beruhen auf enger Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften und partnerschaftlichen Strukturen.

In Dilga im Norden Kameruns etwa sind vom JRS unterstützte Fischteiche und Gemüsegärten zu einer wichtigen Lebensgrundlage geworden. Gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung wurden Wege entwickelt, um nachhaltige Perspektiven zu schaffen und sozialen Zusammenhalt zu stärken.

Für Frauen wie Assiam Djamba bedeutet der Gemüsegarten mehr als Nahrung. Er bedeutet finanzielle Un­ab­hängig­keit: „Als die Wasserversorgung für die Fischzucht eingerichtet wurde, haben wir das genutzt. Mit diesem Wasser bewässern wir jetzt unseren Garten. Wir sind froh darüber, denn so verdienen wir unser Geld“, sagt sie. Damit kann sie Grundbedürfnisse wie Seife und Medikamente bezahlen und ihre Kinder zur Schule schicken.

Ein weiteres Beispiel ist Charles, der am JRS-Programm „Digitale Inklusion“ teilgenommen hat. Nach dem Projekt konnte er als Freelancer auf Upwork arbeiten und ein stabiles Einkommen erzielen. Er investierte in Arbeitsmittel wie einen Computer und ein Headset und versorgt nun seine Familie regelmäßig mit Lebensmitteln und Kleidung.

„Jetzt schaffe ich es, dreimal am Tag zu essen, ich habe einen festen Arbeitsrhythmus als Freiberufler und teile meine Zeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen beim JRS“, erzählt er.

Sein Erfolg wirkt über ihn selbst hinaus: Mit wachsender Arbeit beschäftigt er inzwischen weitere Gemeindemitglieder, etwa für Datenmanagement-Projekte. So entsteht ein positiver Kreislauf, der weiteren Geflüchteten Einkommen ermöglicht.

Selbstständigkeit und Identität

Selbstständigkeit ist für Geflüchtete nicht nur eine individuelle Aufgabe. Sie bedeutet den Aufbau funktionierender Gemeinschaften, in denen Kinder zur Schule gehen, medizinische Versorgung möglich ist, Nahrung gesichert wird und Fami­lien ihre Fähigkeiten einbringen können.

Vor allem aber gibt sie Menschen ihre Identität zurück und ermöglicht es ihnen, ihre Berufung zu leben und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

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