– Im Dialog

„Wahrer Glaube fordert Gerechtigkeit für alle“

„Dienst am Glauben, Fördern von Gerechtig­keit“: Was bedeutet der jesuitische Auftrag angesichts globaler Krisen? P. Roberto Jaramillo SJ, Leiter des Social Justice and Ecology Secretariat, im Interview über indigene Spiritualität und das Erbe der 32. Generalkongregation.

„Politische und ideologische Strukturen infrage stellen“

1975 hat die 32. Generalkongregation den Auftrag der Jesuiten neu formuliert: Dienst am Glauben und Einsatz für Gerechtig­keit. Warum führte das zu inneren Spannungen?

Das „Bahnbrechende“ war die Rückbesinnung auf das Evangelium. Der Orden verstand sich nun nicht mehr nur als kirchliche Institution, sondern als Bewegung für Gerechtig­keit. Schon die 31. Generalkongregation hatte versucht, Veränderungen anzustoßen. Doch es fehlte an einer klaren Prioritätensetzung. So wirkten die Umstellungen von 1975 umso tiefgreifender und lösten bei vielen im Orden Verunsicherung aus.

Gleichzeitig war die Welt politisch in Aufruhr: Diktaturen und Befreiungskämpfe sowie der Neoliberalismus begannen, immer mehr Lebensbereiche zu dominieren. Armut und Ungleichheit nahmen dramatisch zu. Auch der Säkularismus gewann dadurch an Einfluss. Viele Menschen wandten sich von der Religion ab, oft als Reaktion auf Ungerechtigkeit. All diese Umstände machten den Weg für die 32. Generalkongregation frei. Die Jesuiten nahmen die Herausforderungen an, denn es wurde immer klarer, dass der Glaube an Christus stets politische und ideologische Strukturen infrage stellen muss. Er sollte in echter Solidarität mit den Armen und Ausgegrenzten gelebt werden.

Spätere Generalkongregationen bestätigten diesen Kurs kontinuierlich. Sie vertieften ihn in den Intuitionen und erneuerten den Auftrag zur „Versöhnung und Gerechtig­keit“, wie ihn die 36. Generalkongregation definiert hat. Auch das kirchliche Lehramt, von Paul VI. bis Papst Franziskus, zeigte sich zunehmend offen gegenüber dem, was die 32. Generalkongregation kurz nach dem Konzil verkündete: Wahrer Glaube fordert Gerechtig­keit für alle. In diesem Zusammenhang waren unsere Generaloberen, von P. Arrupe bis P. Sosa, außerdem grundlegend als Orientierungsgeber. 

Wie hat Deine Arbeit mit indigenen Gemeinschaften Dein Verständnis von Gerechtig­keit, Kirche und Welt beeinflusst?

Ich arbeitete hauptsächlich mit urbanisierten indigenen Gemeinschaften in Manaus sowie mit einigen Dorfgemeinschaften im Inneren des Bundesstaates Amazonas zusammen. Gegen Ende meiner Zeit in Brasilien lebte ich drei Jahre lang mit Gemeinschaften in einem anerkannten Schutzgebiet an der Grenze zu Guyana, in Bonfim im Bundesstaat Roraima.

Indigene Völker gehören zu den am stärksten Ausgeschlossenen unter den Armen dieser Welt, besonders wenn sie in städtischen Gebieten leben. Gerade deshalb gaben sie mir die besondere Möglichkeit, die menschliche Wirklichkeit in einer neuen Tiefe zu erleben und zu verstehen – unabhängig von Sprache, Herkunft oder Kultur. Mein Engagement für sie entspringt nicht nur meiner pastoralen Verantwortung, sondern auch meiner anthropologischen Berufung und meinem Interesse für grundlegende menschliche Fragen.

Neben der Freundschaft mit vielen dieser Menschen prägen mich bis heute zwei Dinge besonders: ihr Wille, zu überleben, und ihre Identität – ob Sprachen, soziale Organisation, Territorien, Ernährungsweisen oder Ethnizitäten – zu bewahren, insbesondere trotz all des Leids, das ihnen dadurch widerfährt.

Eine weitere Besonderheit ist ihre Auffassung vom Heiligen im Alltag. Kein Moment im Leben eines indigenen Menschen oder einer indigenen Gemeinschaft ist dabei vom Heiligen oder Religiösen getrennt. Sie haben eine spirituelle Haltung gegenüber sich selbst, den anderen, der Natur und dem Schöpfer.

Wo begegnet Dir der Geist von 1975 heute?

Ich verbringe ungefähr die Hälfte des Jahres auf Reisen zu jesuitischen Projekten weltweit. Ich bin erst seit anderthalb Jahren in meiner aktuellen Position und besuchte dennoch bereits zahlreiche Länder in West- und Südafrika. Ich bereiste die pazifisch-asiatische Region und war in acht der zwanzig jesuitischen Provinzen Indiens unterwegs. Darüber hinaus führten mich meine Besuche nach Latein­amerika, in die USA, nach Kanada sowie in mehrere europäische Länder. In all diesen Kontexten durfte ich mit eigenen Augen sehen, dass der Geist der 32. Generalkongregation mehr als lebendig ist.

Die Jesuiten wirken über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg und setzen auf Bildung und Empowerment. Konkrete Beispiele sind einerseits die Aktivitäten des Bildungsnetzwerks Fe y Alegría in Latein­amerika, das vergessenen Gemeinschaften den Zugang zu Bildung ermöglicht, und andererseits jene des Bildungsprogramms Sankalp in Indien, das mit indigenen Gemeinschaften und den Dalits arbeitet. Unsere Projekte schaffen echte Chancen für die vulnerabelsten Mitglieder der Gesellschaft, für jene, die sonst unsichtbar sind. Sie bleiben nah an den schmerzhaftesten Realitäten unserer Zeit und arbeiten dabei häufig im Kontext von Zwangsmigration, Krieg oder mangelndem Zugang zu grundlegenden Rechten wie Arbeit, Bildung und Gesundheit.

Bei den Jesuiten und ihren Laienpartnern, die durch ihr Wirken oft selbst unter den schwierigsten Bedingungen leben müssen, sehe ich Freude, Leidenschaft für ihren Dienst, Freiheit und Kreativität. Für mich sind das klare Zeichen der Gegenwart des Geistes des Auferstandenen.  

Vorbildfunktion für ein Umdenken

Die nächste UN-Klimakonferenz (COP30) findet im November statt. Kann die Kirche im Einsatz für Klimagerechtigkeit tatsächlich politischen Einfluss ausüben?

Selbst Papst Franziskus räumte zu Beginn seines Pontifikats ein, dass er ökologische Themen lange für eine Ideologie ohne eine Verbindung zur Religion hielt. Seine Umkehr kam später. Genau eine solche Offenheit für ein Umdenken braucht auch die Menschheit. Alle müssen erkennen, dass wir Geschöpfe sind, die zutiefst verbunden mit der gesamten Schöpfung sind. Menschliches Leben hängt buchstäblich von der Natur ab.

Den größten Beitrag, den die Kirche für Gott und seine Kinder leisten kann, ist Motivation im Sinne einer Vorbildfunktion für ein Umdenken. Man darf nicht vergessen: Wenn alle Katholik:innen der Welt – also mehr als 1,4 Milliarden Personen – ihr Verhalten ändern, hat das spürbare Auswirkungen.  

Aber es geht nicht nur um Zahlen. Die Kirche ist berufen, diese Welt menschlicher zu machen – und zwar für alle, nicht nur für Gläubige. Mit ihrer langen Geschichte als Institution und ihren Weisheiten – erlernt durch Erfolge und Fehler – hat die Kirche die Pflicht, dazu beizutragen, gerechtere und nachhaltigere Lebensbedingungen für alle zu schaffen. Wie P. Arrupe sagte: Wer Fähigkeiten und Möglichkeiten besitzt, hat auch Verantwortung. Jede und jeder ist aufgerufen, in Beruf, Familie und Gesellschaft Gerechtig­keit zu schaffen – für sich selbst, für andere, für die Natur und für Gott. Das ist der Weg zu echter Veränderung.

Was muss eine Kirche der Gerechtig­keit vor allem in Zeiten von Krisen beachten?

Entscheidend ist, dass sich das Verständnis von Heil an den konkreten Bedürfnissen von Menschen und Gemeinschaften orientiert. Gerade heute bedürfen wir der Rettung vor der allgegenwärtigen Manipulation und Verfälschung von Kommunikation, vor wachsender Gewalt, Spaltung und Hass, die sich in politischen, pseudokulturellen oder religiösen Ideologien zeigen, sowie vor der Aneignung gemeinsamer Ressourcen durch wenige, durch die die Lebensgrundlagen aller zerstört werden.

Was wünschst Du Dir sonst noch für die kommenden Jahre?

Ich wünsche mir, dass die Kirche echte Beziehungen zu den Menschen und ihren vielfältigen Lebensrealitäten noch bewusster und intensiver aufbaut. Es reicht nicht, über Frauen, junge Menschen, Geflüchtete, Migrant:innen oder indigene Völker zu sprechen, ohne ihnen wirklich zuzuhören und sie vor allem selbst zu Wort kommen zu lassen. Wir sind berufen, diesen Weg gemeinsam mit ihnen zu gehen und, falls nötig, auch ihren Alltag zu teilen. Außerdem sollte unser Dienst an den Armen dieselbe Qualität, Professionalität und Tiefe haben wie unsere Arbeit an Schulen, Universitäten oder anderen Einrichtungen. Gerechtig­keit verlangt unser ganzes Herz. Halbherzige Lösungen sind nicht ausreichend. Und schließlich wünsche ich mir, dass unser Engagement für Gerechtig­keit und Versöhnung tief in einer lebendigen Beziehung zu Jesus Christus verwurzelt bleibt. Ohne diese spirituelle Basis wird unser Einsatz oberflächlich und verliert an Wirkung. Christus ist der Retter, wir sind seine Begleiter, seine Nachfolger und seine Werkzeuge.

Jesuiten im Einsatz für indigene Gemeinschaften

1,9 Millionen Menschen in Assam, Bundestaat im Nordosten Indiens, droht der Entzug der Staats­bürgerschaft, viele von ihnen sind Angehörige indigener Gemeinschaften. Die jesuitische Menschen­rechtsorganisation „Legal Cell for Human Rights“ (LCHR) kämpft für ihre Rechte.

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