– Erdbebenhilfe

Venezuela: „Gott gibt uns eine neue Chance zu leben“

Als die Erde zu beben begann, wollte Alex nur eines: seine schwangere Frau in Sicherheit bringen. Heute begleitet der Lehrer und freiwillige Mitarbeiter des Jesuiten-Flücht­lings­dienstes (JRS) in Venezuela Menschen, die durch die Katastrophe am 24. Juni alles verloren haben. Dabei musste er erkennen, dass auch Helfende Hilfe brauchen.

Es war gegen 18 Uhr. Alex war mit seiner Frau Kimberly und seiner Schwägerin zu Hause. Die drei sprachen über die kommenden Monate, über die Geburt ihrer kleinen Tochter, die im Herbst zur Welt kommen soll.

Dann blickte seine Schwägerin irritiert auf ihr Handy. Eine Warnmeldung, die sie zunächst nicht einordnen konnte. Wenige Augenblicke später begann der Boden zu schwanken.

Die Erschütterungen wurden von Sekunde zu Sekunde stärker. Alex und seine Familie wussten: Sie mussten raus. Doch plötzlich drang Wasser in das Gebäude ein. Durch die Verformungen am Haus klemmte die Wohnungstür. Alex versuchte, sie zu öffnen. Sekunden wurden zu einer Ewigkeit.

Schließlich gelang es ihnen, das Gebäude zu verlassen. Draußen versammelten sie sich mit ihren Nachbarinnen und Nachbarn. Von dort sahen sie, wie sich ein Mann im dritten Stock bereit machte, aus dem Fenster zu springen, aus Angst, das Haus könnte über ihm zusammenbrechen. Seine Frau konnte ihn zurück­halten. Auch die beiden schafften es schließlich ins Freie.

Drei Nächte im Garten

Drei Tage lang wagte sich kaum jemand zurück in die Häuser. Zwischen Trümmern und beschädigten Gebäuden schliefen Alex, Kimberly und ihre Nachbarn in einem Garten vor ihrem Wohnhaus. Erst nachdem Ingenieure das Gebäude untersucht und für sicher erklärt hatten, konnten sie zurück­kehren. „Das war eine riesige Erleichterung“, sagt Alex. „So viele Gebäude um uns herum waren eingestürzt. Diese Menschen haben alles verloren.“

Doch für Alex und Kimberly waren die sichtbaren Schäden nur ein Teil der Katastrophe. Kimberly konnte kaum schlafen. Die Angst war so groß, dass sie begann, darüber nachzudenken, ob sie ihr Kind außerhalb Venezuelas großziehen sollten.

Alex versuchte, für sie da zu sein. Er hatte Psychologie studiert und konnte auf seine Ausbildung zurück­greifen. Menschen in Krisen zu begleiten, war ihm zudem aus einem anderen Teil seines Lebens vertraut.

Begleiten heißt: bleiben

15 Jahre lang gehörte Alex dem Jesuiten­orden an, bevor er sich entschied, den Orden zu verlassen und eine Familie zu gründen. Während seiner Ausbildung hatte er den Jesuiten-Flücht­lings­dienst kennengelernt. Er studierte mit Jesuiten, die heute Verantwortung beim JRS tragen, darunter Pater Edgar Magallanes SJ, Landesdirektor des JRS Venezuela. Außerdem arbeitete Alex mit Fe y Alegría, dem internationalen jesuitischen Bildungsnetzwerk.

Was ihn bis heute prägt, ist eine zentrale Haltung ignatianischer Spiritualität: Menschen zu begleiten. Bei ihnen zu bleiben, auch wenn es keine schnelle Lösung gibt.

Nach dem Erdbeben kehrte Alex deshalb mit dem JRS immer wieder in die besonders stark betroffenen Gebiete zurück. Er leistet psychologische Erste Hilfe und unterstützt ein Verteilzentrum, in dem Menschen mit dringend benötigten Hilfsgütern versorgt werden. Auch die Mitarbeitenden dort brauchen Unter­stützung. Tag für Tag hören sie Geschichten von Verlust, Tod und Angst.

Auch Helfende brauchen Hilfe

Kimberly begann langsam, sich zu stabilisieren. Sie konnte wieder in ihrer Wohnung schlafen und nahm selbst psychologische Unter­stützung in Anspruch. Alex hingegen glaubte zunächst, er komme gut zurecht. Er kümmerte sich um seine Familie. Er half anderen. Er funktionierte.

Bis seine Frau ihn eines Morgens fragte: „Träumst du in letzter Zeit so viel?“ Sie hatte bemerkt, dass Alex nachts im Schlaf zitterte. Sein Körper schien das Erdbeben immer wieder neu zu erleben. „Bewusst denke ich: Mir geht es gut. Ich habe keine Probleme, ich kümmere mich um alles. Aber mein Körper und mein Kopf haben immer noch Angst.“

Alex war seiner Frau dankbar, dass sie ihn darauf aufmerksam machte. Inzwischen spricht auch er mit einem Psychologen. Denn die Bilder der Katastrophe lassen sich nicht einfach abschütteln. „Noch immer werden viele Tote aus den Trümmern geborgen“, sagt er. Tausende Menschen haben ihr Zuhause verloren. Manche schlafen auf der Straße, andere in Notunterkünften oder bei Verwandten.

Wenn die Kameras längst weitergezogen sind

Für Alex zeigt das Ausmaß der Zerstörung vor allem eines: Die akute Nothilfe ist nur der Anfang. Gerade für das, was danach kommt, sieht er den JRS gut aufgestellt. Wenn die unmittelbare Katastrophe vorbei ist, wenn internationale Aufmerksamkeit abnimmt und das lange Wieder­auf­bauen beginnt, bleibt der Jesuiten-Flücht­lings­dienst an der Seite der Menschen.

Kinder müssen wieder zur Schule gehen können. Fami­lien brauchen Unter­stützung bei der Suche nach einem neuen Zuhause. Menschen benötigen Räume, in denen sie über das Erlebte sprechen und Wege finden können, mit Verlust und Traumata weiterzuleben.

Dabei kann der JRS auf seine weltweite Erfahrung in psychosozialer Begleitung und psychischer Gesundheit zurück­greifen.

„Wir wissen nicht, wie wir weiterleben sollen“

In einem der Katastrophengebiete begegnete Alex einem jungen Vater namens Marco. Marco und seine drei Kinder hatten den Einsturz eines Gebäudes überlebt. Aus den Trümmern hatte Marco zudem seinen Neffen gerettet. Dann sagte er einen Satz, den Alex nicht vergessen kann: „Wir wissen nicht, wie wir leben sollen. Von jetzt an muss ich anders leben.“

Für Alex steckt genau darin Hoffnung. „Das bedeutet Hoffnung: ein Neuanfang. Gott gibt uns eine neue Chance zu lernen, wie wir leben können.“ Am Ende ihres Gesprächs konnten Marco und Alex sogar miteinander lachen. Bevor sie sich verabschiedeten, bat Marco ihn noch um die Kontaktdaten eines Psychologen, der seine Familie begleiten könnte. Ein kleiner Schritt. Aber vielleicht beginnt Wieder­auf­bau genau dort. Nicht erst mit neuen Mauern und Dächern, sondern mit Menschen, die einander zuhören, einander tragen und gemeinsam wieder Vertrauen ins Leben fassen.

„Das Erdbeben war der Ausgangspunkt“, sagt Alex. „Die eigentliche Arbeit beginnt danach: der Wieder­auf­bau. Und der wird Jahre dauern.“ Der JRS wird diese Jahre mitgehen.

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