– Im Dialog

„Die Welt brennt, sie braucht euch!“

In 1980er-Jahren engagierte sich P. Georg Sporschill SJ in Österreich in der Jugendund Sozialarbeit, ehe er begann, dieses Engagement in Rumänien auszubauen. 2026 feiert er zwei Jubiläen: 50 Jahre im Jesuiten­orden und seinen 80. Geburtstag

Pater Sporschill, was hat Sie damals, 1976, mit 30 Jahren dazu bewogen, Jesuit zu werden?

Ein Klassenkamerad entschied sich, Pfarrer zu werden. Sein Mut gefiel mir, also begleitete ich ihn ins Priesterseminar. Im dritten Jahr durfte ich zum Studium nach Paris. Es war der Mai 1968, und eine revolutionäre Stimmung erfasste die Jugend, auch mich. Ich wollte von Kirche nichts mehr wissen, aber dennoch mit Menschen arbeiten. Also studierte ich Psychologie und Pädagogik in Innsbruck. Da kam ein Jesuitenpater auf mich zu, Wolfgang Feneberg. Er begleitete mich durch viele Turbulenzen. Mit ihm gingen wir in Heime für sogenannte „Schwererziehbare“, reisten in den Orient und schliefen unter freiem Himmel, wo wir Beduinen und Kibbuzniks begegneten.

Nach meinem Studienabschluss in Theologie, Psychologie und Pädagogik wurde ich Beamter in der Vorarlberger Landesregierung. Der Bildungsbereich bot mir schöne Möglichkeiten. Die Eltern waren stolz. Bei allem Glück blieb ich aber doch unruhig. Ich wollte so radikal werden wie Wolfgang. Nach einem Gespräch mit P. Vitus Seibel, damals Provinzial in München, wurde ich ins Noviziat in Nürnberg aufgenommen.

Woher stammt diese besondere Nähe zu Menschen in schwierigen Lebenssituationen, zu Straßenkindern, Suchtkranken oder aus der Haft Entlassenen?

Als ich in den Sechzigerjahren Psychologie studierte, sagte man manchmal, das würden vor allem Leute machen, die selbst einen „Knacks“ haben. Ja, schwierige Menschen und Menschen in Not haben mich immer angezogen, schon in der Schule. Und ich habe sie angezogen – eine gegenseitige Attraktion, von der ich heute noch lebe. Die Menschen, die mir am nächsten sind, leben in Roma-Siedlungen, waren Straßenkinder und im Gefängnis – „auf der Fakultät“, wie sie es nennen.

Sie haben viele Jahre mit jungen Menschen in schwierigen Lebenssituationen unter einem Dach gelebt und gearbeitet. Was haben diese Begegnungen Sie persönlich gelehrt?

Ein Jesuit ist weder an eine Familie noch an ein Kloster gebunden. So kann ich mit ausgestoßenen Menschen unter einem Dach leben. Geht es bei uns brutal zu, ist es gefährlich durch Drogen und Gewalt? Nichts ist geschönt, Konflikt und Liebe sind klar. Bei unseren Schützlingen habe ich die tiefsten Freunde und stärksten Lehrer gefunden. Sie sagen mir: Gott ist barmherzig. Und sie geben mir die große Aufgabe, Leben zu retten. Ich staune, wie sie nicht aufhören zu kämpfen. Sie danken und danken. Mit viel Witz und Gott ganz nah.

Wenn Sie auf Ihre 50 Jahre im Jesuiten­orden zurück­blicken: Welche drei Erlebnisse oder Momente haben Sie besonders geprägt?

Als ich 1978 die Ewigen Gelübde abgelegt habe. Seither hinke ich dem Versprechen nach, mein Leben hinzugeben, und baue auf die Gnade Gottes. Mit dem Trostwort bei meiner Priesterweihe: Der Geist – der Wind – weht, wo er will. Für mich heißt das, sich jeden Tag überraschen zu lassen und zu lernen. Es geht weiter.

Im Orden haben mir große Menschen die Freundschaft geschenkt. P. Karl Rahner übernachtete bei uns in der Blindengasse, als wir das erste Haus für schwierige Jugendliche in Wien aufbauten. Neugierig hörte er die Geschichten der Jungen und sagte mir: „Ihr betreibt Theologie von unten.“Kardinal Carlo Maria Martini rief mich wenige Tage vor seinem Tod zu sich, um mir seine tiefsten Sorgen anzuvertrauen. „Was machst du für die Kirche, damit das Neue kommt?“

Die Welt hat sich seit Ihrem Eintritt stark verändert. Wie hat sich auch Ihre Arbeit im Laufe der Jahrzehnte gewandelt? Was ist heute leichter geworden und was vielleicht schwieriger?

Ich hatte das Glück, öfters bei Anfängen dabei zu sein: Studium in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils, sozialer Aufbruch im Mai 1968, Gründung von Obdachlosenhäusern in Wien und der Fall des Eisernen Vorhangs, als uns Horden von Straßenkindern in Bukarest empfingen. Sie suchten ein Zuhause. Wir zogen weiter nach Sofia, Chişinău und Schytomyr in der Ukraine.

In diesen heißen Zeiten war in Osteuropa manches möglich und nötig. Heute geht es viel um Absicherung, weil viel erreicht ist. Vorsicht und Bewahren sind mühsamer als Aufbrüche und Befreiung.

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